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  Haftung gegenüber Sportlern  
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  Auch hinsichtlich der Frage der Haftung des Veranstalters eines Radrennens muss zwischen der Haftung gegenüber Sportlern und der Haftung gegenüber Zuschauern differenziert werden.  
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  Haftung gegenüber Sportlern  
  Regelmäßig besteht zwischen dem Veranstalter eines Radrennens und dem Teilnehmer ein Schuldverhältnis, so dass für den Ersatz etwaiger Schäden vertragliche Anspruchsgrundlagen in Betracht kommen. Entscheidend ist dann, in welchem Umfang die Schutzpflichten des Veranstalters im Rahmen der vertraglichen Vereinbarung gegenüber dem Teilnehmer ausgestaltet sind. Da ausdrückliche vertragliche Regelungen in diesem Bereich selten sind, muss wiederum auf die allgemeinen Verkehrssicherungspflichten abgestellt werden.

So ist wie bei der deliktischen Haftung aus § 823 Abs. 1 BGB auch entscheidend, welche Verkehrspflichten den Sportveranstalter gegenüber den teilnehmenden Sportlern treffen.


Träger der Verkehrssicherungspflicht
Grundsätzlich muss insoweit der Organisator einer Radsportveranstaltung die Sportler nicht vor den Gefahren schützen, die mit der Sportausübung typischerweise verbunden sind, denn dieses erhöhte Gefahrenniveau nimmt der Teilnehmer selbstbewusst in Kauf. Die Verkehrspflicht des Sportveranstalters bezieht sich demnach in erster Linie auf den Schutz vor drohenden verdeckten und atypischen Gefahren. Der Inhalt und Umfang der Verkehrssicherungspflichten richtet sich nach dem, was der Rechtsverkehr berechtigterweise an Sicherheitsmaßnahmen erwarten kann. Damit steht fest, dass ein Veranstalter nicht vor jeder nur denkbaren Gefahr schützen muss, sondern jeweils im Einzelfall zu ermitteln ist, was aus Sicht des Veranstalters eine typischerweise drohende Gefahr hätte sein müssen. Vom Vorliegen einer solchen Gefahr ist auszugehen, wenn sich nach sachkundiger Einschätzung die Möglichkeit einer Rechtsgutverletzung ergibt. Für eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht des Sportveranstalters sprechen insoweit Verstöße gegen die in Sportregelwerken für die Durchführung von Veranstaltungen aufgestellten Vorschriften.

Von entscheidender Bedeutung für Radsport sind insoweit wiederum die Wettkampfbestimmungen des BDR e. V., welche für die einzelnen Sportarten spezifische Anforderungen an die Durchführung von Wettbewerben stellen.

Aufsehen erregend war in diesem Zusammenhang die Entscheidung des Landgerichts Walshut – Tingen (NJW 2002, 153), welches über einen Radsportunfall im Rahmen der Deutschen Meisterschaften in der Kategorie Mountainbike-Downhill aus dem Jahre 1998 zu entscheiden hatte, bei dem ein Zuschauer vom Rad eines gestürzten Fahrers tödlich getroffen wurde. Aufgrund unzureichender Sicherungsmaßnahmen – mithin einer Verletzung der Verkehrssicherungspflicht – wurde der Vorsitzende des Wettkampfausschusses wegen fahrlässiger Tötung gemäß § 222 StGB verurteilt!

Diese Entscheidung wirft im Hinblick auf die Anforderungen an die Verkehrssicherungspflicht eine Vielzahl von radsportspezifischen Fragestellungen auf. Klar ist, dass derjenige, der eine Sportveranstaltung organisiert und durchführt, eine Gefahrenlage schafft und deshalb auch gegenüber Dritten verkehrssicherungspflichtig ist. Verkürzt heißt dies nichts anderes als dass den Veranstalter die Verkehrssicherungspflicht trifft. Doch wer ist regelmäßig Veranstalter einer Radrennsportveranstaltung? In dem durch das LG Walshut-Tiengen verhandelten Fall wurde der Bund Deutscher Radfahrer e. V. als Veranstalter und der vor Ort ansässige mit der Organisation und Durchführung befasste Verein (e. V.) als Ausrichter bezeichnet. Veranstalter ist demnach, wer in organisatorischer und finanzieller Hinsicht für die Veranstaltung verantwortlich ist, wer deren Vorbereitung und Durchführung übernimmt und dabei das unternehmerische Risiko trägt. Nichts anderes gilt dann für die (ausrichtenden) Vereine, die ebenfalls gewerbliche Leistungen erbringen. Bei den Dachverbänden, hier dem BDR e. V., handelt es sich, zumindest auch um eine wirtschaftlich tätige Vereinigung von Vereinen, die ihrerseits wiederum zumindest dann wirtschaftlich tätig sind, wenn sie Radsportveranstaltungen ausrichten und dabei gewerbliche Leistungen anbieten.

Entscheidend für die Verkehrssicherungspflicht sind insoweit die tatsächlich vorhandenen Einwirkungsmöglichkeiten auf den Veranstaltungsablauf und die damit verbundene Eröffnung eines Gefahrenbereiches. Eine Unterscheidung zwischen Veranstalter und Ausrichter ist insoweit mithin entbehrlich.


Umfang der Verkehrssicherungspflicht
(1) Straßenradsport
Für den Straßenradsport konkretisieren wiederum die Wettkampfbestimmungen des BDR e. V. (Stand 04/2004) die Anforderungen an den Umfang der Verkehrssicherungspflicht.

Zunächst wird im Rahmen der Einleitung unter Ziffer 1.1 festgelegt, dass das vorliegende Reglement für den Straßenradsport bei allen Straßenrennen des BDR anzuwenden ist.

Unter Ziffer 6.7 (Zulässige Starterzahlen) wird die Anzahl der maximal zulässigen Starter zu einem Straßenrennen auf maximal 200 Teilnehmer limitiert.

Unter Ziffer 6.8 (Sicherheits- und Ordnungsdienst) wird vorgeschrieben, dass der Veranstalter einen angemessenen Sicherheitsdienst bereitzustellen und eine wirksame Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Ordnungsdienst zu gewährleisten hat.

Weiterhin ist die Rennstrecke vom Veranstalter so auszuwählen und zu gestalten, dass besondere Gefahrenmomente für die Sicherheit der Teilnehmer und der Zuschauer vermieden werden. Der Veranstalter hat des weiteren Hindernisse auf der Strecke wie Baustellen, gefährliche Kurven, Straßenverengungen etc. zu sichern und den Teilnehmern vor Beginn der Veranstaltung bekannt zu geben.

Unter Ziffer 6.9 (Medizinischer Dienst) werden die Anforderungen an einen den jeweiligen Renncharakter angemessenen Sanitätsdienst (Rennärzte und Sanitätsfahrzeuge) vorgeschrieben.

Eine Verletzung bzw. die Nichteinhaltung dieser Wettkampfbestimmungen wird eine Verkehrssicherungspflichtverletzung darstellen und eine Haftung des Veranstalters begründen.

Hinzuweisen in diesem Zusammenhang ist noch auf die breitensportlichen Radtouristikfahrten von Freizeitsportlern, bei denen es sich nach der Auffassung des Bearbeiters wegen der in der Praxis beobachteten Verhaltensweisen der Teilnehmer gleichwohl um Veranstaltungen mit rennsportlichen Charakter handelt. Da bei dieser Art von Veranstaltungen – wie schon dargestellt – jedoch eine offizielle Zeitnahme durch den Veranstalter und die Erstellung einer Rangliste verzichtet wird, dürften die Anforderungen an die Verkehrssicherungspflicht im Unterschied zum Straßenrennsport im eigentlichen Sinne deutlich herabgesetzt sein. Die genannten Wettkampfbestimmungen werden mangels „Wettkampf“ bei diesen Veranstaltungen keine direkte Geltung beanspruchen – aber gleichwohl indizielle Wirkung entfalten.

In einer für den Radsport einschlägigen Entscheidung des OLG Stuttgart aus dem Jahre 1986 ergibt sich, dass der Veranstalter von Radsportwettkämpfen mit Publikumsinteresse die Zuschauer vor Ort vor den Gefahren schützen muss, die typischerweise mit dem Sportbetrieb verbunden sind. Allerdings hat das Landgericht mit Blick auf die BGH-Rechtsprechung hervorgehoben, dass eine Gefahrenabwehr nur im Rahmen des möglich und zumutbaren verlangt werden kann. Welche Maßnahmen dazu im einzelnen zu treffen sind, bestimmt sich nach den jeweiligen Umständen der Veranstaltung, vor allem nach der Intensität und der Häufigkeit der sich für die Zuschauer ergebenden Gefährdung, wobei auch der finanziellen Belastbarkeit des Veranstalters bei der Abwägung der Zumutbarkeit eine gewisse, wenn auch untergeordnete Bedeutung zukommt. Die Anforderungen an Radsportveranstaltungen unabhängig ob diese auf öffentlichen Straßen oder in Waldgebieten stattfinden sind daher nicht zu überspannen. Dies ergibt sich zum einen daraus, dass regelmäßig sehr lange Strecken in Anspruch genommen werden und insoweit im Rahmen des zumutbaren Aufwandes oftmals nur Straßenkreuzungen und Einmündungen abgesichert werden können und zum anderen daraus, dass es z. B. innerorts kaum Sporträume vorhanden sind und somit keine Sicherheitszonen zwischen der Rennstrecke und den Zuschauerräumen geschaffen werden können. Dies zeigt sich auch in der Rechtsprechung. So verstößt der Veranstalter eines Radrennens gröblich gegen seine Verkehrssicherungspflicht, wenn er es unterlässt, eine ausreichende Zahl von richtig positionierten und zutreffend instruierten Ordnern zur Streckensicherung (hier: Sicherung der Radrennfahrer gegen querende Fußgänger) abzustellen (OLG Stuttgart, VersR 1984, 1098). Andererseits genügt der Veranstalter seiner Verkehrssicherungspflicht und haftet nicht, wenn er für die Durchführung eines Radrennens im öffentlichen Verkehrsraum aufgrund der mit den entsprechenden Auflagen und Bedingungen verbundenen Erlaubnis die Teilnehmer vor dem Start entsprechend über das Rechtsfahrgebot belehrt und ein Teilnehmer unter Missachtung des Rechtsfahrgebotes gegen ein an der linken Fahrbahnhälfte geparktes Fahrzeug fährt. (LG Bonn, NDR 1997, 147 – 150)

Der zumutbare Rahmen der Verkehrssicherungspflicht für den Veranstalter eines Straßenradrennens wird auch deutlich durch die Entscheidung des BGH vom 29.04.1989 (VersR 1986, 705 – 707), wonach der Veranstalter eines Straßenrennens nur an ungewöhnlich gefährlichen Stellen verpflichtet ist, Leitplanken in einer Kurve abzupolstern.

(2) Mountainbike-Sport
Auch die Anforderungen an die Verkehrssicherungspflichten der Veranstalter von Mountainbike-Rennen sind durch die Wettkampfbestimmungen Mountainbike des BDR e. V. (Stand 01/2002) jeweils den einzelnen Disziplinen entsprechend unterschiedlich konkretisiert.

So ist für die Disziplin Downhill unter Ziffer 2.2.4 (Sicherheitsbestimmungen) vorgeschrieben, dass der gesamte Streckenverlauf durch Streckenposten, Trassierbänder, Absperrungen, Strohballen oder sonstiges Polstermaterial gesichert sein muss. Weiterhin werden für gefährliche Passagen im Hochgeschwindigkeitsteil Sturzräume und Fangnetze vorgeschrieben.

Für Marathon-Veranstaltungen schreibt der BDR e. V. unter Ziffer 2.5.2.7 (Sanitäts- und Sicherheitsdienst) vor, dass die medizinische Versorgung und der Rettungsdienst der Streckenlänge entsprechend anzupassen ist, jedoch unter Verweis auf die generellen Richtlinien mindestens ein Rennarzt und eine ausreichende Anzahl von Sanitäts- und Sicherungsposten zur Verfügung stehen muss.

Weiterhin muss auf der gesamten Strecke für alle Teilnehmer eine klare Streckenführung erkennbar sein und an Gefahrenpunkten, insbesondere beim Überqueren von öffentlichen Straßen sind Streckenposten einzusetzen.

Genügt der Veranstalter diesen Anforderungen nicht und kommt es zum Schaden, hat er diesen zu ersetzen.

(3) Fazit
Es bleibt zusammenfassend festzustellen, dass ein Veranstalter bei atypischen Gefahren alle tatsächlich möglichen und wirtschaftlich zumutbaren Sicherungsmaßnahmen ergreifen muss. Allerdings hat er selbst bei typischen Gefahren der Sportart die vom Sportler zwangsläufig eingegangen werden müssen gegen die er sich aber sportarttypisch nicht selbst schützen kann, die selben Maßnahmen zu ergreifen, um nicht vertraglichen oder deliktischen Schadensersatzansprüchen ausgesetzt zu sein.
 
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  Haftung gegenüber Zuschauern und Helfern  
  Haftung gegenüber Helfern
Die Ersatzansprüche der Helfer einer Veranstaltung gegenüber den Veranstalter sind dadurch geprägt, dass diese eine Mittelstellung zwischen den Sportlern einerseits und den Zuschauern oder vollkommenen Unbeteiligten innehaben. Sind die Helfer z. B. als Streckenposten oder Kampfrichter in die unmittelbare Sportausübung integriert, gelten die für Sportler entwickelten Grundsätze, wonach es darauf ankommt, ob der Veranstalter seine Verkehrssicherungspflicht verletzt hat oder nicht. Wenn Helfer jedoch nicht mit dem eigentlichen Sportgeschehen befasst sind, sondern die allgemeine Durchführung der Veranstaltung unterstützen, geltend die Besonderheiten der Sportausübung nicht, sondern stattdessen die im folgenden dargestellten Grundsätze der Haftung gegenüber Zuschauern. Welche Elemente letztlich überwiegen, kann nur im Einzelfall beurteilt werden.


Haftung gegenüber Zuschauern
Die Haftung des Sportveranstalters gegenüber Zuschauern wird von dem nebeneinander von vertraglichen und deliktischen Ansprüchen bestimmt.

(1) vertragliche Haftung
Grundsätzlich dürfte es beim Besuch von Sportveranstaltungen (etwa einem Fußballspiel) zwischen dem Veranstalter und dem Zuschauer zum Abschluss eines sogenannten Zuschauervertrages kommen. Für den hier untersuchten Radsport auf öffentlichen Straßen und Waldwegen ist dies jedoch nicht die Regel, da hier die Zuschauer an die Rennstrecke kommen, ohne dass hierfür ein Eintrittsgeld verlangt wird. Es dürfte also im Normalfall an der für das Bestehen eines Vertragsverhältnisses zwar nicht zwingend aber typischen Gegenleistung auf Seiten des Zuschauers fehlen.

Will man das Zustandekommen eines Zuschauervertrages bejahen, muss man folgerichtig die Existenz von vertraglichen Nebenpflichten anerkennen, wonach dem Veranstalter insbesondere Schutz- und Sorgfaltspflichten für die Gesundheit und das Eigentum der Zuschauer obliegen, weshalb der Veranstalter im Rahmen des tatsächlich möglichen und zumutbaren insbesondere vor den Gefahren schützen muss, die von der Sportveranstaltung ausgehen. Der Inhalt und der Umfang dieser Pflichten ist im einzelnen identisch mit den deliktischen Verkehrssicherungspflichten nach §§ 823 ff. BGB, so dass auf die folgenden Darstellungen verwiesen werden kann.

(2) deliktische Haftung
Insoweit wird nochmals auf die Entscheidung des Landgerichts Waldshut – Tiengen (NJW 2002, 153) Bezug genommen. In dem dort (in strafrechtlicher Hinsicht) entschiedenen Fall wurde ein Zuschauer vom Mountainbike eines gestürzten Mountainbikers in der Disziplin Downhill tödlich getroffen. Das Gericht hat wegen unzureichender Sicherungsmaßnahmen (mithin einer Verletzung der Verkehrssicherungspflicht) den Vorsitzenden des Wettkampfausschusses wegen fahrlässiger Tötung gemäß § 222 StGB verurteilt.

Die Verkehrssicherungspflichten knüpfen an dem Rechtsgedanken an, dass der Veranstalter eines Radrennens einen Zustand herbeiführt, von dem für die Zuschauer eine Gefährdung ausgehen kann. Ob und gegebenenfalls welche Maßnahmen zur Vermeidung derartiger Gefahren einzuleiten sind muss unter Abwägung der Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts und der zu dessen Verhinderung erforderliche zumutbare Aufwand bestimmt werden. Dies richtet sich wiederum nach den jeweiligen Umständen der Veranstaltung (z. B. Streckenlänge) aber auch nach Intensität und Häufigkeit der sich für die Zuschauer ergebenden Gefährdung. Es wurde insoweit schon dargestellt, dass es eine 100%ige Verkehrssicherheit nicht geben kann. So ist der Veranstalter nicht gezwungen, zur Vermeidung einer Haftung unverhältnismäßige Sicherungsmaßnahmen durchzuführen.

Die konkreten Sicherungsmaßnahmen werden wiederum durch Unfallverhütungsvorschriften, mit Veranstaltungsgenehmigungen verbundene Auflagen oder eben die schon genannten Wettkampfbestimmungen des BDR e. V. konkretisiert. Derartige Regelwerke sind jedoch nur als Orientierungshilfe zu verstehen. Mit deren Einhalten ist noch nicht zwingend das Maß der erforderlichen Sorgfalt erfüllt, dieses muss vielmehr im Einzelfall unter Beachtung des Integritätsinteresses des Zuschauers weiter konkretisiert werden.
 
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