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  Grundsätzlich gehen die Gerichte davon aus, dass ein schuldhaft begangener Verstoß gegen eine dem Schutz eines Sportlers dienende Verhaltensregel Schadensersatzpflichten auslöst. Anders verhält es sich jedoch, wenn es um Verletzungen geht, die einem Sportler bei einem Wettkampf zugefügt werden, sofern die Sportausübung des anderen im Rahmen der Regeln lag. Derartige Verletzungen werden von jedem Wettkampfteilnehmer in Kauf genommen. Der Verletzte verstößt gegen das sich aus § 242 BGB ergebende Verbot von „Treu und Glauben, wenn er trotz Beachtung der Spielregeln einen anderen Wettkampfteilnehmer haftbar machen will. Dies bedeutet, dass bei Verletzungen, die trotz Einhaltung der Spielregeln eintreten, eine Haftung des Schädigers ausscheidet.

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Bei den Individualsportarten, wie dem Radsport, ist ein Abweichen vom allgemeinen Gebot auf andere Rücksicht zu nehmen und diese nicht gefährden regelmäßig nicht angebracht, da Gefährdungen und Verletzungen für diese Sportarten untypisch ist.


Straßenradsport
Zu fragen ist, welche Regeln bei Straßensportveranstaltungen, sei es bei Wettbewerben oder bei Trainingsfahrten gelten. Nach der allgemeinen Fahrordnung in den Wettkampfbestimmungen des Bundes Deutscher Radfahrer e. V. für Straßenradrennen ist es einem Rennfahrer untersagt, einen Mitbewerber am Vorbeifahren oder an der Entfaltung seiner vollen Geschwindigkeit zu hindern. Ferner sind das Abdrängeln, Auflegen, Abschieben oder Abziehen zum Zwecke des persönlichen oder gegenseitigen Vorteils oder sonstige Behinderungen wie plötzliches Abstoppen oder Verlassen der Fahrlinie während eines Rennens ohne zwingende Notwendigkeit als Verstoß gegen die Wettkampfbestimmungen normiert. Besonders betont wird ferner noch die konsequente Einhaltung der Fahrlinie bei Zwischenwertungen oder im Endkampf des Rennens, die nur dann verändert werden darf, wenn zu den nachfolgenden Fahrern ein Abstand von ca. einer Radlänge besteht und diese Fahrer dadurch nicht gefährdet, behindert oder benachteiligt werden.

Diese Regularien zeigen deutlich, dass im Hinblick auf das gefährliche und schadensträchtige Windschattenfahren Regeln bestehen, bei deren Befolgung ein Schadenseintritt weitgehend vermieden werden kann.

Unabhängig davon, dass dieses Regelwerk explizit nur für Wettbewerbe gilt, dürften die dargestellten Regelungen auch für Trainingsfahrten zumindest indizielle Wirkung entfalten.

Das OLG Zweibrücken vertritt die Auffassung, dass wenn mehrere Radrennfahrer bei einer Trainingsfahrt das sogenannte Windschattenfahren üben sich die Gruppe für diese Trainingsfahrt Verhaltensregeln gegeben hat, bei denen in Kauf genommen wird, dass es trotz Einhaltung der gemeinsamen Regeln wegen der besonderen Gefährlichkeit der Fahrt mit geringen Abständen zu Verletzungen kommen kann und es demnach gegen den Grundsatz von Treu und Glauben verstößt, wenn ein Verletzter versucht, den Schädiger in Anspruch zu nehmen, obwohl er ebenso gut in die Lage hätte kommen können, in der sich nun der Inanspruchgenommene befindet. Damit rückt das OLG Zweibrücken den Radrennsport zumindest in die Nähe der Kampfsportarten, was nicht richtig ist.

Der (normale nicht sportliche) Fahrradfahrer unterliegt im Straßenverkehr wie im übrigen auch bei der Ausübung auf Waldwegen natürlichen Sorgfaltspflichten gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern und Radfahrern. Er hat seine Fahrgeschwindigkeit an der jeweiligen Situation und seinen Fähigkeiten auszurichten und muss sein Rad jederzeit beherrschen können. Dazu gehört jedoch dann auch die Einhaltung des Sicherheitsabstandes, so dass hinter dem vorausfahrenden Fahrzeug jederzeit angehalten werden kann, auch wenn der andere verkehrsbedingt plötzlich bremst, ohne dass er grundlos und unversehen zum Halten kommen darf.

Diese allgemeinen Verkehrsregeln sind aber zwischen den Teilnehmern (und nur diesen!) bei einem Radrennen und auch bei einer Trainingsfahrt nicht anzuwenden. Die Vorschriften über die Einhaltung des Sicherheitsabstandes sind dann abbedungen, so dass auch bei Verletzung des Sicherheitsabstandes oder plötzlichen Ausweichbewegungen kein Schadensersatz gefordert werden kann. Abzustellen ist auf den gemeinsamen Konsens, wonach bei der gemeinsamen Trainingsfahrt möglichst im Windschatten mit geringen Abständen gefahren werden soll und die sich daran orientierende Sorgfaltspflicht. Regelmäßig verabreden die Teilnehmer solcher Übungsfahrten Handzeichen, mittels derer auf Hindernisse aufmerksam gemacht wird, um das Risiko zu minimieren. Die Zeichen werden dann in der Gruppe „durchgegeben“, so dass das Fahrverhalten unter Berücksichtigung normaler Reaktionszeiten angepasst werden kann. Wird folglich bei einer Radsportfahrt – sei es im Training oder im Wettkampf – ein geringer Abstand gehalten und ist der Zusammenstoß dadurch bedingt und nicht auf eine grobe Verletzung der oben genannten Regeln (auch das Unterlassen von Handzeichen) zurückzuführen, liegt jedenfalls dann keine Pflichtverletzung vor, wenn Ausweichbewegungen oder Bremsmanöver unter Abwägung der dem Vorausfahrenden und dem Nachfolgenden drohenden Gefahren tolerabel sind. So wird der Vorausfahrende Glasscherben auf der Straße ebenso ausweichen können wie anderen Hindernissen, die der Vorausfahrende wegen der „Windschattensituation“ erst spät erkennen kann.

Etwas anderes muss jedoch dann gelten, wenn beim Fahren in der Gruppe nebeneinander und/oder hintereinander Brems- oder Ausweichmanöver grundlos in Folge von Unaufmerksamkeit oder bewusst vorgenommen werden, um dem Mitfahrer in die Spur „zu schneiden“. Insoweit ist es nach unserer Auffassung gerade nicht so, wie das Amtsgericht Brackenheim meint, dass gerade plötzliche auch ruckhaft ausgeführte Positionswechsel nichts außergewöhnliches sondern die Regel sind. Dies kann jedenfalls dann nicht zutreffen, wenn die besagten Positionswechsel unter bewusster Inkaufnahme der Gefährdung anderer Teilnehmer vorgenommen werden. Insoweit liegt ein gewichtiger Regelverstoß gegen die Fahrordnung der Wettkampfbestimmungen des Bundes Deutscher Radfahrer e. V. vor, die nach der hier vertretenen Auffassung erst recht für Trainingsfahrten gilt.

Interessant und von der Rechtssprechung soweit überblickbar noch nicht entschieden, ist die Frage der Haftung, wenn die genannten in Trainingsgruppen üblichen Handzeichen unterlassen werden. Einen groben eine Haftung begründenden Verstoß wird man dann annehmen müssen, wenn das Unterlassen bedingt vorsätzlich erfolgt und der Vorausfahrende billigend in Kauf nimmt das der Nachfolgende zu Sturz kommt. Davon ist auszugehen wenn der Vorausfahrende kraft seines überlegenden Wissens (ein Hindernis wurde angezeigt und der Nachfolgende kann mangels Erkennbarkeit unter Berücksichtigung der Reaktionszeit nicht mehr ausweichen) sich gleichwohl passiv verhält und das Zeichen nicht „weiter gibt“. Ist also Windschatten fahren (auch konkludent) verabredet, stellt die Nichtweitergabe der Handzeichen einen Regelverstoß dar der eine Haftung begründet. Dies setzt selbstverständlich die Kenntnis dieser ungeschriebenen Regel voraus, und der Geschädigte der sich auf deren Verletzung beruft muß die Kenntnis des Schädigers von der Regel und deren Verletzung beweisen.



Mountainbike-Rennsport
Auch für den Mountainbike-Rennsport muss vergleichbares wie für den Straßenradsport gelten. In den Wettkampfbestimmungen Mountainbike des Bundes Deutscher Radfahrer e. V. (Stand 01/2002) ist für Marathonveranstaltungen unter Ziffer 2.5.2.11 eine Fahrordnung dergestalt festgelegt, dass die Fahrer sich während des Rennens diszipliniert im Sinne der Chancengleichheit zu verhalten haben und die Regeln und gegebenenfalls gegebene Verkehrsvorschriften der Ordnungsbehörden beachten müssen. „Diszipliniertes Verhalten“ in diesem Kontext kann jedoch nur die Meidung der schon für den Straßenradsport sanktionierten Verhaltensweise unter Beachtung der sportartspezifischen Besonderheiten des Mountainbikesports bedeuten. So wird ein grundloses plötzliches Abstoppen ebenso wie das grundlose Verlassen der Fahrlinie regelmäßig einen gewichtigen Regelverstoß darstellen, der – so es zum Schadenseintritt kommt – zum Ersatz des entstandenen Schadens verpflichtet.

Zusammenfassung
Bei der Ausübung von Radsport ist für die Haftung der Teilnehmer untereinander von entscheidender Bedeutung, ob die Wettkampfbestimmungen des BDR e.V. eingehalten und grober Verstöße wie insbesondere plötzliches, unbegründetes Abstoppen sowie ein Verlassen der Fahrlinie vermieden werden. So die Teilnehmer eines Rennens oder einer Trainingsgruppe über den gleichen Wissenshorizont (im Straßenradsport z.B. die Weitergabe von Handzeichen als Hinweis auf Hindernisse etc. beim Windschattenfahren) verfügen, ist eine Haftung anzunehmen, wenn die Weitergabe des Handzeichens vorsätzlich oder grob fahrlässig unterbleibt. Es gibt aus rechtlicher Sicht keine Veranlassung, von dem allgemeinen Gebot, auf andere Rücksicht zu nehmen, abzuweichen, da es sich bei dem hier betrachteten Radsport im Unterschied zum Kampfsport um so genannten Individual- oder Parallelsport handelt, da Gefährdungen und Verletzungen für diesen Sport untypisch sind.
 
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  Haftung gegenüber Zuschauern  
  Im Radrennsport auf öffentlichen Straßen und in Waldgebieten, bei dem naturgemäß nicht die gesamte Rennstrecke unüberwindbar für Zuschauer abgesichert werden kann, ist es zwar selten aber letztlich unvermeidbar, dass Radfahrer aus den verschiedensten Gründen von der Straße oder dem Weg abkommen und sie selbst oder deren Sportgerät mit Zuschauern kollidieren. Zwar verlässt sich der Zuschauer wohl darauf, dass die Rennstrecke in den typischerweise von Stürzen betroffenen Zonen, wie z. B. Kurven durch entsprechende Sicherheitsmaßnahmen des Veranstalters abgesichert ist und vertraut darauf, so er sich in diesen Bereichen aufhält, dass er nicht zu Schaden kommt, allerdings hat er regelmäßig die Gefahr erkannt und diese bewusst in Kauf genommen, um das Geschehen möglichst nah an spektakulären Streckenteilen verfolgen zu können.

Hinsichtlich der Haftung ist demnach zu differenzieren. Zunächst einmal obliegt es der Verkehrssicherungspflicht des Veranstalters, in zumutbarer Weise vor typischen Gefahren zu schützen. Hierauf kann sich auch der Sportler verlassen, so dass bei Versagen der Schutzmaßnahmen des Veranstalters der Sportler regelmäßig weder rechtswidrig noch schuldhaft handelt. Besteht jedoch keine Verkehrssicherungspflichtverletzung des Veranstalters oder sind für ihn die Grenzen der wirtschaftlichen Zumutbarkeit überschritten, kommt es darauf an, ob der Sportler regelgerecht handelt oder die Sportregeln nur leicht überschreitet, so dass er dann in diesem Fall dem Zuschauer mangels Rechtswidrigkeit nicht haftet. Bei einer groben Regelübertretung ist eine Haftung des Sportlers denkbar.

Darüber hinaus werden die Ansprüche des geschädigten Zuschauers dann gemäß § 254 BGB erheblich zu kürzen sein, wenn er sich selbst in eine gefährliche Kurve oder wie im Straßenradrennsport fast schon leider üblich bei Bergauffahrten auf die Fahrbahn stellt.
 
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